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Abenteuer mit Delphinen

In der Tiefe spielte eine große Familie Delphine. Sie sahen genau so aus, wie in dem Bilderbuch, das sie zuhause oft anschauten. Mit strahlenden Augen blickten sie jetzt in die Tiefe. Das Wasser brodelte und spritzte und schon war das Floß von lauter lachenden pfeifenden Gesichtern umgeben. Mit ihren spitzen Nasen stupsten sie an Füße, Arme oder Kopf. Die beiden hielten sich auf dem stark schwankenden Floß fest. Behutsam stupsten die Delphine weiter und bald ließen sich die Kinder ins Wasser gleiten. Sie wurden mit nassem Flossenklatschen und hoch spritzendem Wasser pfeifend begrüßt. Ein kleiner Delphin schlug einen Purzelbaum. Ein anderer sprang hoch aus dem Wasser. Der Junge tauchte ins Wasser und machte auch einen Überschlag. Prustend kam er wieder nach oben. Das Mädchen kraulte den kleinen Delphin, der sich wohlig rekelte. Ein großer rundlicher Delphin mit liebem Gesicht legte sich vor die Kinder. Sie kraulten seinen hellen Hals und hielten sich an ihm fest. Dann kletterten sie auf seinen Rücken und er trug sie pfeilschnell durch die Wellen. Hui, war das ein Vergnügen! Nach einigen Runden flüsterte der Junge: „Ich würde gerne ihre Sprache verstehen.“ „Das wäre toll“ meinte das Mädchen. In diesem Moment machte der große Delphin einen Luftsprung und die Kinder fielen kopfüber ins Wasser. Während sie schwammen, hörten sie viele fröhliche Stimmen:„ … jetzt spielen wir endlich zusammen … ich kann dich tragen … halt dich an mir … ich kraul dich so gerne … schön, dass ihr da seid … es ist toll mit euch … ich mach einen Purzelbaum für dich … komm, wir tauchen zusammen … du bist aber schön … was sind das für Fransen an deinem Kopf … wie lustig deine Finger aussehen … halt dich an mir … ich kann dich tragen … reib mir mal den Rücken … schau mal, wie hoch ich springen kann.“ Verdutzt hörten die Kinder zu, schauten sich an und lachten lauthals. Die Delphine lachten vergnügt mit. Dann spielten und redeten, pfiffen und sangen alle durcheinander. Als es Abend wurde, brachten die Delphine die Kinder sicher an Land und verabschiedeten sich: „Bis morgen, bis morgen, wir freuen uns schon auf euch“ klang es von beiden Seiten. Mit großem Getöse und etlichen Luftsprüngen zogen die lustigen Tiere davon.

So ging es Jahr um Jahr. Die Kinder lernten die Schönheiten des Meeres kennen und seine Gefahren. Sie erlebten, welche Berührungen beruhigten oder wohlig erregten. Sie sangen, tanzten und spielten, tobten und kraulten. Niemals gab es Ärger, denn jeder tat nur, was auch für den anderen schön war. Mit den Jahren wurden die Kinder nicht nur erwachsen wie alle Kinder, sondern sie blieben neugierig und wurden immer mutiger; sie blieben einfühlsam und wurden ständig sicherer. Voller Vertrauen begannen sie jeden Tag. Sie sangen und tanzten und hatten für jeden ein glückliches Lächeln. Ihre Sehnsucht nach Abenteuern sorgte dafür, dass sie ständig neue Freunde fanden.

Die magische Acht

Melissa blickte erfreut auf den kleinen gelben Schmetterling, der den Weg in ihren Garten gefunden hatte. Sie liebte diesen kleinen Garten mit seinen verwilderten Ecken, den Blüten der wilden Blumen und den immergrünen Sträuchern. Sie liebte die Bäume, die sich über all dem erhoben und ein Stück lichten blauen Himmels zwischen sich einfingen. Melissa saß in der geschützten Ecke an der mit wildem Wein berankten Mauer. Eingekuschelt in eine warme Decke sah sie dem Wind zu, der zärtlich mit den langen Blättern des Sommerflieders spielte. Dann folgten ihre glänzenden braunen Augen einer dicken Hummel die geräuschvoll in den Blüten des roten Fingerhutes nach Honig suchte.

Schon seit Tagen spürte sie die Unruhe in sich, die ihr inzwischen vertraut war. Wenn diese besondere Unruhe sie überfiel, stellte Melissa das kleine Schloss auf den Kopf, putzte und wischte bis alles glänzte. Am Ende landete sie erschöpft aber zufrieden in ihrem kleinen Garten, um sich auszuruhen.

Als sie noch jung und voll überschäumender Energie war hatte sie versucht, sich gegen diese Unruhe zu wehren, die unversehens wie eine Krankheit über sie kam. Doch das hatte sie mehr Kraft gekostet, als all das Putzen. Inzwischen wusste sie, dass ihre heilige Unruhe - wie sie diese bei sich selber nannte - ein untrügliches Zeichen für eine neue Aufgabe war. Früher hatte sie sich innerlich dagegen gewehrt, doch mit der Zeit hatte Melissa sich mit ihrem Schicksal angefreundet. Die Jahre hatten sie ruhiger werden lassen, doch ihre Neugierde war eher gewachsen.

Sie hatte ein verwelktes Blatt zwischen den Fingern und sprach in Gedanken mit den Blumen. Käfer und Regenwürmer betrachtete Melissa als willkommene Helfer, selbst Läuse und Ameisen waren vor ihr sicher. Für sie gab es weder Unkraut noch Ungeziefer. Mit sachte ordnender Hand schaffte sie Lebensraum für all die kleinen Lebewesen. Dafür wurde sie morgens von den ersten Liedern der Amsel geweckt und spät am Abend sang der Zaunkönig sein gefühlvolles Lied.

Eine Amsel setzte sich auf einen nahen Zweig und putzte ihr Gefieder. Zwischendurch flötete sie ein wenig und blickte zu Melissa herüber. Doch deren Gedanken wanderten zurück zu dem Tag vor etwa dreißig Jahren, als ihr der Zusammenhang zwischen ihrer Unruhe und einer entschlossenen Tat deutlich gezeigt wurde …

Mit nassen Kleidern stand eine junge Frau im Gras und hielt ein triefendes Kind an den Füßen. Sie schüttelte das kleine Wesen unsanft, sprach dabei aber beruhigende Worte. Nachdem ein ganzer Schwall Wasser aus dem Mund des Kindes hervorgesprudelt war, begann es kreischend zu schreien. Auch begann es jetzt mit seinen Ärmchen wild um sich zu schlagen. Mit entsetzten Blicken kam der Vater aus der Garage gerannt und nahm ihr die Kleine unwirsch fort. Doch die bösen Worte, die er schon auf der Zunge hatte, blieben ihm im Hals stecken als er die durchnässten Kleider seiner Tochter fühlte. Fragend aber sprachlos blickte er Melissa an.

“Sie ist kopfüber in den Teich gefallen.”

Melissa Stimme klang, als wäre es die normalste Sache der Welt. Inzwischen kamen auch Mutter und Oma gerannt.

“Sie steckte mit dem Kopf im Wasser und zappelte mit den Beinen. Ich sah es zufällig und hab sie raus gezogen.” Melissa wandte sich ab, um zu gehen, doch die plötzlich hervorbrechenden Worte hielten sie zurück.

“Um Gottes willen!” Besitz ergreifend nahm die Mutter ihre kleine Tochter auf den Arm und presste sie fest an sich.

“Mein Gott wie schrecklich.” Weiter vor sich hin lamentierend rannte die Oma nach drinnen und kam mit einer warmen Decke wieder.

“Gott sei Dank, dass du gerade zur Stelle warst.” Der Vater nahm ihre Hand in die seine und schaute durchdringend in Melissas Augen, die wie aus weiter Ferne langsam in die Gegenwart fanden. Erst jetzt fühlte sie die Gefahr, in der das Kind geschwebt hatte. Ihre Beine wurden weich, aber sie ging noch einige Schritte von den andern weg bevor sie sich etwas abseits erschöpft auf die Gartenmauer sinken ließ. Sie schloss ihre Augen und überließ sich ganz den Gefühlen ihres Körpers.

Plötzlich malte in ihrem Innern eine unsichtbare Hand mit einem dicken Pinsel eine liegende Acht. Ihr inneres Auge begann, den Spuren zu folgen, die der Pinsel ständig aufs neue zog. Allmählich bildeten sich in den leeren Flächen Konturen. Im linken Kreis wurde die putzende Melissa erkennbar und rechts erschienen die zappelnden Beine des Kindes, dessen Kopf im Wasser steckte. Beständig malte der Pinsel die Linien der liegenden Acht und verband dadurch die beiden Bilder zu etwas, das offenbar zusammengehörte.

Melissa schlug erstaunt die Augen auf. Ihr fielen noch einige kleinere Begebenheiten der letzten Zeit ein, an denen nach der Unruhe etwas geschehen war, was rasches Handeln von ihr verlangte.

Da war die kleine Katze, die sie ohne nachzudenken mit beiden Händen packte, bevor der Wagen mit den durchgegangenen Pferden ihr Leben beendet hätte.

Oder als sie auf den Markt ging ohne zu wissen warum. Und dann brach neben ihr eine alte Frau zusammen. Sie hätte sich den Kopf auf dem harten Pflaster aufgeschlagen, hätte Melissa nicht blitzschnell ihren Fuß vorgeschoben.

Diese und noch andere Bilder zeigten sich Melissa nun in der von Geisterhand gemalten liegenden Acht. Links sah sie sich putzend und arbeitend und rechts sah sie ein Ereignis, in das sie scheinbar ganz zufällig geraten war.

Ihr wurde unbehaglich zumute, sie musste sich bewegen, um einen klaren Kopf zu bekommen. Während sie durch die naheliegenden Felder wanderte, versuchte sie alles fein säuberlich zu ordnen und jedes Bild für sich allein zu sehen. Doch sobald sie das tat fühlte sie sich wie zerrissen. Alle Knochen schienen sie zu schmerzen und nichts fühlte sich so an, wie es sich anfühlen sollte. Obwohl ihr Verstand sich sträubte, lehrten die Gefühle ihres Körpers sie, zu begreifen, was nicht zu verstehen schien. Seitdem hatte sie damit begonnen, sich in ihr Schicksal ohne Murren zu ergeben.

Ein leises Plätschern ließ Melissa hochblicken. Auf einem dicken Stein am Rande einer dicken Pfütze badete munter ein Spätzchen. Doch ihre Gedanken weilten weiter in der Vergangenheit.

Vor einem Jahrzehnt hatte sie nach so einem Putzanfall überraschend eine Einladung zu einer Reise bekommen. Obwohl sie sich fürchtete mit fast fremden Leuten in eine weit entfernte und einsame Gegend zu reisen, nahm sie an. Sie spürte wie ihr ganzer Körper vor freudiger Erwartung zitterte. Gleichzeitig spürte sie auch die Angst. Würde sie ihre Aufgabe rechtzeitig erkennen? Wenn der Zweifel in ihr fast zur Verzweiflung wurde, kam aus einer Ecke ihres Wesens ein abenteuerlustiger Clown hervor. Tipsi hatte sie ihn genannt. Er erheiterte sie und schenkte ihr so viel Neugier, dass sie ihre Angst vergaß.

Seit dieser Reise konnte sie Tipsi „rufen“, wenn sie ihn brauchte. Er erschien in der liegenden Acht auf der einen Seite und sorgte dafür, dass sie keine Angst mehr vor dem hatte, was in der anderen Seite in naher Zukunft erscheinen würde. Voller Vertrauen tat sie für andere Menschen das, was gerade dran war. Und damit war sie zufrieden und glücklich.

Das schlafende Mädchen

In einem kleinen Ort,

in dem nicht allzu viele Leute wohnten, lebte in der Mühle ein kleines Mädchen mit seiner Großmutter. Die backte den Leuten täglich köstliches Brot. Dafür halfen ihr die Leute bei anderen Arbeiten. Jeder tat das, was er am besten konnte. Der eine pflügte das Feld und brachte die Ernte ein, ein anderer schleppte die schweren Mehlsäcke. Eine schüttelte den Staub aus den Federn und fegte die Stube. Eine andere schaffte den Abfall weg und rieb die Fenster blank. Eine stellte Blumen auf den Tisch, andere brachten frisches Obst, Gemüse und Fleisch. Allen ging es gut, weil sie sich gegenseitig halfen.

Eines Tages spielte das kleine Mädchen im Keller, als ein Wind plötzlich alle Lichter ausblies und die Tür hinter ihm mit Getöse zuschlug. Das erschreckte das Mädchen so sehr, dass es in einen todesähnlichen Schlaf fiel. Erst am Abend fand die Großmutter das eiskalte Kind. Sie hüllte es in dicke Decken und flößte ihm heißen Tee ein, aber es wachte nicht auf. Jeden Tag wusch und fütterte die Großmutter das Kind, sang ihm Lieder und erzählte Geschichten. Doch das Mädchen schlief und schlief.

Die Leute, die früher gerne geholfen hatten, kamen seltener. Schon bald backten sie ihr Brot alleine, aber es schmeckte ihnen nicht so wie früher. Sie wurden mürrisch und unzufrieden. Die Großmutter wurde immer trauriger und hörte auf zu backen. Das wenige Essen, dass sie noch hatte, fütterte sie dem kleinen Mädchen. Sie selbst trank nur Wasser. Nach einigen Wochen war sie so schwach, dass sie nicht mehr aufstehen konnte. Doch niemand kümmerte sich darum.

In der Nacht träumte die Großmutter von einer guten Fee. „Bitte laß mein kleines Mädchen wieder aufwachen“ bat sie, doch die Fee antwortete nicht. Als die Großmutter am anderen Morgen die Augen aufschlug, sah sie eine fremde Frau, die in der Küche arbeitete und es roch nach frischer Suppe. Die Frau wusch und fütterte zuerst das Mädchen, dann die Großmutter. Anschließend verschwand sie ohne eine Wort. An den folgenden Tagen war sie morgens wieder da und arbeitete bis zum Abend. Schon bald hatte die Großmutter sich erholt und bekam Lust, wieder ihr köstliches Brot zu backen.

Als die anderen Leute den Duft des frischen Brotes rochen, bekamen sie großen Appetit. Mit traurigen Augen kamen sie zur Mühle, weil sie sich schämten. Doch die Großmutter gab ihnen lächelnd von dem köstlichen Brot. Bald kamen die Leute wieder und brachten wie früher etwas mit oder halfen in Haus und Hof. Neugierig hielten sie ein Schwätzchen mit der Großmutter, denn sie spürten, dass etwas Geheimnisvolles geschah. Doch die fremde Frau ließ sich nie sehen.

Die Großmutter wünschte sich sehnlichst, dass ihr kleines Mädchen gesund würde. Sie überlegte den ganzen Tag, wie sie es nur wecken könnte, doch es fiel ihr nichts ein. In der Nacht träumte sie wieder von der guten Fee. Diesmal sprach sie: „Bereitet zum nächsten Vollmond ein großes Fest. Alle Leute sollen helfen und jeder tut das, was er am besten kann. Der eine backt, der andere kocht, manche bringen Tische und Bänke, andere räumen nach dem Fest auf. Schon am Mittag soll es Musik und Tanz geben. Doch bevor die ersten Töne erklingen, laßt das kleine Mädchen auf den Festplatz tragen.“ Und so geschah es. Als die Musik erklang, sangen die Leute fröhlich mit und klatschten begeistert in die Hände. Da schlug das kleine Mädchen endlich die Augen auf. Alle freuten sich darüber und feierten bis der Vollmond hoch am Himmel stand. Die Leute in dem kleinen Ort wußten nun für immer, dass sie nur glücklich sein konnten, wenn alle füreinander da waren.

Französischer Stadtsommer

Wir fahren nach Nancy. An der Rheinfähre Kappel setzen wir über. Ich schaue aus dem Fenster und genieße das bunte Le¬ben, das sich meinen Augen bietet. Nach sieben Kilometern durch einen Tunnel sind wir auf der Westseite der Vogesen.
In greller Mittagssonne liegt Baccarat. Wir schlendern durch die Kristallgalerien. Glas in den schönsten Formen. Lüster, Leuchter, Gläser - alles blitzt und funkelt in der Sonne. Ich kaufe mir Ohr¬klips aus Strass. Viele kleine Steine funkeln dar¬auf. Ich entdecke Tiere aus Glas in vielen Größen. Vier Ele¬fanten aus Rauchglas ziehen meine Blicke an. Ob sie um Mit¬ternacht alle lebendig werden? Ich kann es mir gut vorstellen.
Nancy … eine große Stadt mit Industrie und Hochhäusern. Aber das alles vergisst man, sobald man auf dem Platz Stanis¬lav steht. Trotz vieler Autos ist dort die Romantik erhalten. Der Brunnen sprudelt fröhlich. Göttinnen und Engel spielen mit den Blüten des überquellenden Füllhorns. Museum Nau¬tique. Bunte Fische in schillernden Farben, wie ich sie noch nie zuvor sah. Sie haben bizarre Formen, Dra¬chen und Seeungeheuern gleich. Ich bewun¬dere die Vielfalt der Natur, den Einfallsreichtum, hinter dem jede menschliche Idee blass oder nachgemacht erscheint.
Es ist fast Feierabend, als wir in die Markthalle kommen. Ich kaufe noch schnell ein paar süß duftende Melonen. Ein Hauch von Ferien umgibt sie, vollreif wie sie sind. Heiß strahlt die Sonne. Ein milder Wind umspielt mich zärtlich. Die Luft ist voll von Düften. Es riecht nach Farbe, Parfüm und Gebra¬tenem. Ein kleiner Junge mit mittelbrauner Haut und nackten schwarzen Füssen kommt auf mich zu. Seine schwarzen Loc¬ken umrahmen sein schmuddeliges Gesicht. Sein braun-weiß kariertes Hemd und seine Jeans müssten auch mal gewaschen werden. Der Junge hält mir einen großen Zet¬tel hin, be¬schrieben mit Worten, die ich nicht lesen kann. Er spricht schnell wie ein Wasserfall, ver¬beugt sich, legt den Zet¬tel vor mich auf den Tisch, seine Hände legen sich zu einer bittenden Geste aneinander. Blitzschnell drückt er einen Kuss auf mei¬nen Oberarm und schaut mich mit großen ängstlichen Augen bittend an. Ich habe nur deutsches Geld, das will er nicht. Er geht an den nächsten Tisch und ver¬sucht es bei den Nächsten.
Zwei männliche Gestalten sprechen uns an, wollen zwei Francs von uns haben. Sie versuchen alles Mögliche, aber die fremde Sprache bietet uns Schutz. Wir schlendern zur Kirche St. Seba¬stian. Eine alte Frau hält uns die Türe auf. Ihr Kleid ist zerrissen. Mit einer knallroten Strickjacke hält sie es wie mit einem Gürtel zusammen. Sie hofft, durch das Türaufhal¬ten ein paar Franc zu bekommen. Unglücklich sieht sie nicht aus.

Sommer

Seit Wochen brannte die Sommersonne auf das Land und es fiel kein Regen. Die Wiesen verdorrten. Bäume ließen ihre Blätter hängen. Im Garten musste man ständig gießen … som¬merliche Hitze ohne Abkühlung und kein Ende war abzuse¬hen.
Doch heute Morgen war der Himmel grau und es regnete. Die Menschen freuten sich und begrüßten den Regen mit Erleich¬terung. Alles ist nass, die Regentropfen klingen wie Musik in meinen Ohren. Regen … wie schön er ist!
Wie die Tropfen gegen die Scheiben klatschen und in schnel¬lem Zickzack nach unten rinnen … wie sie von den Blättern fallen nach unten streben … wie sie die ausgetrocknete Erde treffen und sofort gierig aufgesaugt werden …
Mit lautem Klatschen landen die Tropfen in der großen Zink¬badewanne. Eine Dahlienblüte streckt ihre Blütenblätter wie einen umgekehrten Regenschirm dem lebensnotwendigen Was¬ser entgegen und fängt es auf, trinkt es mit allen Fasern, die ihr zur Verfügung stehen. Wie Perlen und Diamanten glänzen die Tropfen auf den Blättern des Frauenmantels. Kleine Tiere brin¬gen sich schnell in Sicherheit, nachdem sie sich zuvor an dem kostbaren Nass gelabt haben.
Ich stehe im Garten und lasse mich auch beregnen. Meine Haare sind nass und ich schüttele sie fröhlich. Mit der Zunge lecke ich die fließenden Tropfen von meinen Lippen. Meine nackten Füße suchen die Pfützen und wühlen sich fröhlich in die fast schon schlammige Erde. Regen … dankbar blicke ich zum wolkenver¬hangenen Himmel!

Begegnung

Ich ging mit einem Freund spazieren. Wir hatten uns an den Händen gefasst und schlenderten gemütlich über den Rhein¬damm. Kurz bevor wir ans Wehr kamen, sah ich etwas auf dem Boden liegen. Ich riss etwas an Walters Hand, um seine Vor¬wärtsbewegung zu bremsen. Er blieb erstaunt stehen und ich bückte mich, um besser sehen zu können.
Zuerst hatte ich das Etwas für eine Eidechse gehalten, doch nun sah ich das Tier aus der Nähe. Es war eine Schlange. Sie war sehr dünn und etwa 30 cm lang. Unbeweglich lag sie vor mir. Ihre Haut schimmerte tief dunkelgrün, an den Seiten lief ein schwarzes Strichmuster. Am Hals hatte sie einen zweiteili¬gen weißen Kragen und die Zunge zischelte in dunkelblau. Ein wun¬dervolles Farbenspiel, das sich uns da bot.
Fasziniert betrachtete ich das schöne Tier noch eine ganze Weile. Dann berührte ich es zart und vorsichtig am Ende sei¬nes Körpers. Zuerst reagierte es nicht, aber dann erhob es seinen Oberkör¬per von der Erde. Langsam und majestätisch bewegte die Schlange sich vorwärts. In großen S-Bögen be¬wegte sich der feine Körper ohne Angst und Eile auf das Gras am Damm zu. Nie war der Kopf am Boden.
Ich genoss den Anblick und fühlte mich beschenkt und sehr glücklich. Ich mochte Schlangen schon immer, hatte nie Angst oder Ekel vor ihnen. Sie erwecken Ehrfurcht in mir und tiefe Liebe.

Mitreißend

Gabriele, Dieter und ich waren in der Stadt im Schwimmbad. Es war schön warm, aber am Abend zog sich blitzschnell ein Unwet¬ter zusammen. In starkem Regen fuhren wir zu unse¬rem Quar¬tier. Grosse und kleine Steine blockierten die Strasse. Ei¬nige konnten wir umfahren, andere mussten wir erst wegräu¬men. Es war stockdunkel, nass und schrecklich ungemütlich. Bis zum Parkplatz schafften wir es gut, doch nun lag noch der steile Weg runter bis zur Casa vor uns. Inzwischen war es stockfinster. Der Regen rauschte unaufhörlich und hatte den Weg in einen reißenden Bach verwandelt. Gabriele hatte Angst, denn wir hatten weder Regenschirm noch Taschen¬lampe im Auto.
Das Wetter schreckte mich nicht. Die Naturgewalten hatten es mir schon immer angetan und machten mir keine Angst. So ging ich durch den strömenden Bach alleine den Berg hinun¬ter. Si¬cher fanden meine Füße festen Halt. Der Regen durch¬nässte blitzschnell meine sommerlichen Kleider bis auf die Haut. Doch das störte mich nicht. Ich war fröhlich und fühlte mich wie auf einer Abenteuerreise.
Im Zimmer holte ich Schirm und Taschenlampe und ging zu¬rück zum Auto. Auch diesmal fand ich den Weg durch das rauschende Wasser problemlos. Anschließend führte ich Ga¬briele und Dieter den Weg, leuchtete ihnen mit der Lampe, redete ihnen gut zu und verscheuchte so ihre Unsicherheit. Wir kamen triefnass ins Zimmer. Erleichtert seufzten wir alle, weil wir nun wieder sicher und geborgen waren.

Frühling in Teneriffa

Gestern kam ich hier an und ich fühle mich so schwer wie die Felsen und Steine, die hier den größten Teil der Insel bedecken. Doch auf dem Weg vom Flughafen gab es Überraschun¬gen. Da standen, mitten in einer Felswüste blühende Bäume. Im Dämmerlicht der versinkenden Sonne leuchteten rosa Blüten wie Sterne aus einer anderen Welt …
Es stürmt und regnet und es ist Frühling … Mein Auge erblickt die vielen kahlen Felsen und dazwischen Schluchten, die mit kräftigem Grün gefüllt sind. Ich warte ungeduldig, dass es trocken wird, damit ich die Umgebung entdecken kann.
Schon nach kurzer Zeit scheint die Sonne wieder - und wie heiß sie scheint. Die Steine dampfen und das Wasser auf den Blättern ist längst bis ins Innere gedrungen. Jetzt hält mich nichts mehr drinnen, jetzt muss ich raus und die Natur um mich herum entdecken. Ich fühle mich wie vor einem großen Abenteuer …
Der Weg vor mir ist trocken. In den Ritzen der Steinmauer son¬nen sich Eidechsen. Langsam und behutsam bewege ich mich, um sie nicht zu stören. Sie liegen träge da, aber ihre Augen scheinen aufmerksam zu sein. Ohne Worte spreche ich mit die¬sen seltsamen Wesen. Ich sage ihnen, dass sie sich vor mir nicht fürchten müssen. Ich freue mich, dass sie da sind und nicht vor mir flüchten. Ich glaube, sie können mich verstehen.
Mein Blick wird von einer Pflanze gefangen, die ihre dicken, wasserspeichernden Blätter in einer großen Rosette über den Steinen ausbreitet. Graugrün schimmern die fleischigen Blät¬ter und aus der Mitte erhebt sich auf einem dünnen Stängel eine zarte gelborange Blütenrispe. Ich kenne diese Pflanze, hatte sie schon oft im Blumentopf, da war sie auch schön, aber klein. Ich bin beeindruckt von der Pflanze in ihrer natürlichen Umgebung - wie sie sich hier ausbreitet, wie groß sie ist und wie schön, dass ich sie trotzdem wieder erkenne.
Ich steige langsam ins Tal, da wo ich leise ein Wässerchen murmeln höre. Silbrige Äste ohne Blätter recken sich mir in den Weg. Ich schaue und entdecke an den Astenden dicke grüne Knoten … sind es Knospen, Blüten oder Früchte? Versonnen gehe ich weiter. Hoch über mir ragen jetzt die Felsen in den Himmel. Auf einem Vorsprung wächst eine Pflanze, einem Löwenzahn ähnlich. Eine breite Rosette fächert ihre Blätter um den hohen Stiel, auf dem kräftig gelbe Blüten wie Sonnen leuchten. Wunderschön … wunderschön ist diese ursprüngliche und unverdorbene Natur. Ich setze mich auf einen Stein und trinke mit meinen Augen alles, was sich mir bietet …

Besinnliches von Rahel

Schon lange suche ich nach einer eleganten Möglichkeit, meine besinnlichen Texte zu veröffentlichen. Mit diesem BLOG habe ich sie gefunden und das freut mich. Das Internet und seine Möglichkeiten gefallen mir, meines Jahrgangs (1946) nicht grundsätzlich zutrifft. Da ich mich immer freue, wenn viele Menschen meine Texte lesen, freue ich mich, wenn diese Texte manchmal ausgedruckt werden.

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