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Die magische Acht

Dieser Eintrag stammt von admin Am 7.1.2010 @ 23:33 In Uncategorized | Keine Kommentare

Melissa blickte erfreut auf den kleinen gelben Schmetterling, der den Weg in ihren Garten gefunden hatte. Sie liebte diesen kleinen Garten mit seinen verwilderten Ecken, den Blüten der wilden Blumen und den immergrünen Sträuchern. Sie liebte die Bäume, die sich über all dem erhoben und ein Stück lichten blauen Himmels zwischen sich einfingen. Melissa saß in der geschützten Ecke an der mit wildem Wein berankten Mauer. Eingekuschelt in eine warme Decke sah sie dem Wind zu, der zärtlich mit den langen Blättern des Sommerflieders spielte. Dann folgten ihre glänzenden braunen Augen einer dicken Hummel die geräuschvoll in den Blüten des roten Fingerhutes nach Honig suchte.

Schon seit Tagen spürte sie die Unruhe in sich, die ihr inzwischen vertraut war. Wenn diese besondere Unruhe sie überfiel, stellte Melissa das kleine Schloss auf den Kopf, putzte und wischte bis alles glänzte. Am Ende landete sie erschöpft aber zufrieden in ihrem kleinen Garten, um sich auszuruhen.

Als sie noch jung und voll überschäumender Energie war hatte sie versucht, sich gegen diese Unruhe zu wehren, die unversehens wie eine Krankheit über sie kam. Doch das hatte sie mehr Kraft gekostet, als all das Putzen. Inzwischen wusste sie, dass ihre heilige Unruhe - wie sie diese bei sich selber nannte - ein untrügliches Zeichen für eine neue Aufgabe war. Früher hatte sie sich innerlich dagegen gewehrt, doch mit der Zeit hatte Melissa sich mit ihrem Schicksal angefreundet. Die Jahre hatten sie ruhiger werden lassen, doch ihre Neugierde war eher gewachsen.

Sie hatte ein verwelktes Blatt zwischen den Fingern und sprach in Gedanken mit den Blumen. Käfer und Regenwürmer betrachtete Melissa als willkommene Helfer, selbst Läuse und Ameisen waren vor ihr sicher. Für sie gab es weder Unkraut noch Ungeziefer. Mit sachte ordnender Hand schaffte sie Lebensraum für all die kleinen Lebewesen. Dafür wurde sie morgens von den ersten Liedern der Amsel geweckt und spät am Abend sang der Zaunkönig sein gefühlvolles Lied.

Eine Amsel setzte sich auf einen nahen Zweig und putzte ihr Gefieder. Zwischendurch flötete sie ein wenig und blickte zu Melissa herüber. Doch deren Gedanken wanderten zurück zu dem Tag vor etwa dreißig Jahren, als ihr der Zusammenhang zwischen ihrer Unruhe und einer entschlossenen Tat deutlich gezeigt wurde …

Mit nassen Kleidern stand eine junge Frau im Gras und hielt ein triefendes Kind an den Füßen. Sie schüttelte das kleine Wesen unsanft, sprach dabei aber beruhigende Worte. Nachdem ein ganzer Schwall Wasser aus dem Mund des Kindes hervorgesprudelt war, begann es kreischend zu schreien. Auch begann es jetzt mit seinen Ärmchen wild um sich zu schlagen. Mit entsetzten Blicken kam der Vater aus der Garage gerannt und nahm ihr die Kleine unwirsch fort. Doch die bösen Worte, die er schon auf der Zunge hatte, blieben ihm im Hals stecken als er die durchnässten Kleider seiner Tochter fühlte. Fragend aber sprachlos blickte er Melissa an.

“Sie ist kopfüber in den Teich gefallen.”

Melissa Stimme klang, als wäre es die normalste Sache der Welt. Inzwischen kamen auch Mutter und Oma gerannt.

“Sie steckte mit dem Kopf im Wasser und zappelte mit den Beinen. Ich sah es zufällig und hab sie raus gezogen.” Melissa wandte sich ab, um zu gehen, doch die plötzlich hervorbrechenden Worte hielten sie zurück.

“Um Gottes willen!” Besitz ergreifend nahm die Mutter ihre kleine Tochter auf den Arm und presste sie fest an sich.

“Mein Gott wie schrecklich.” Weiter vor sich hin lamentierend rannte die Oma nach drinnen und kam mit einer warmen Decke wieder.

“Gott sei Dank, dass du gerade zur Stelle warst.” Der Vater nahm ihre Hand in die seine und schaute durchdringend in Melissas Augen, die wie aus weiter Ferne langsam in die Gegenwart fanden. Erst jetzt fühlte sie die Gefahr, in der das Kind geschwebt hatte. Ihre Beine wurden weich, aber sie ging noch einige Schritte von den andern weg bevor sie sich etwas abseits erschöpft auf die Gartenmauer sinken ließ. Sie schloss ihre Augen und überließ sich ganz den Gefühlen ihres Körpers.

Plötzlich malte in ihrem Innern eine unsichtbare Hand mit einem dicken Pinsel eine liegende Acht. Ihr inneres Auge begann, den Spuren zu folgen, die der Pinsel ständig aufs neue zog. Allmählich bildeten sich in den leeren Flächen Konturen. Im linken Kreis wurde die putzende Melissa erkennbar und rechts erschienen die zappelnden Beine des Kindes, dessen Kopf im Wasser steckte. Beständig malte der Pinsel die Linien der liegenden Acht und verband dadurch die beiden Bilder zu etwas, das offenbar zusammengehörte.

Melissa schlug erstaunt die Augen auf. Ihr fielen noch einige kleinere Begebenheiten der letzten Zeit ein, an denen nach der Unruhe etwas geschehen war, was rasches Handeln von ihr verlangte.

Da war die kleine Katze, die sie ohne nachzudenken mit beiden Händen packte, bevor der Wagen mit den durchgegangenen Pferden ihr Leben beendet hätte.

Oder als sie auf den Markt ging ohne zu wissen warum. Und dann brach neben ihr eine alte Frau zusammen. Sie hätte sich den Kopf auf dem harten Pflaster aufgeschlagen, hätte Melissa nicht blitzschnell ihren Fuß vorgeschoben.

Diese und noch andere Bilder zeigten sich Melissa nun in der von Geisterhand gemalten liegenden Acht. Links sah sie sich putzend und arbeitend und rechts sah sie ein Ereignis, in das sie scheinbar ganz zufällig geraten war.

Ihr wurde unbehaglich zumute, sie musste sich bewegen, um einen klaren Kopf zu bekommen. Während sie durch die naheliegenden Felder wanderte, versuchte sie alles fein säuberlich zu ordnen und jedes Bild für sich allein zu sehen. Doch sobald sie das tat fühlte sie sich wie zerrissen. Alle Knochen schienen sie zu schmerzen und nichts fühlte sich so an, wie es sich anfühlen sollte. Obwohl ihr Verstand sich sträubte, lehrten die Gefühle ihres Körpers sie, zu begreifen, was nicht zu verstehen schien. Seitdem hatte sie damit begonnen, sich in ihr Schicksal ohne Murren zu ergeben.

Ein leises Plätschern ließ Melissa hochblicken. Auf einem dicken Stein am Rande einer dicken Pfütze badete munter ein Spätzchen. Doch ihre Gedanken weilten weiter in der Vergangenheit.

Vor einem Jahrzehnt hatte sie nach so einem Putzanfall überraschend eine Einladung zu einer Reise bekommen. Obwohl sie sich fürchtete mit fast fremden Leuten in eine weit entfernte und einsame Gegend zu reisen, nahm sie an. Sie spürte wie ihr ganzer Körper vor freudiger Erwartung zitterte. Gleichzeitig spürte sie auch die Angst. Würde sie ihre Aufgabe rechtzeitig erkennen? Wenn der Zweifel in ihr fast zur Verzweiflung wurde, kam aus einer Ecke ihres Wesens ein abenteuerlustiger Clown hervor. Tipsi hatte sie ihn genannt. Er erheiterte sie und schenkte ihr so viel Neugier, dass sie ihre Angst vergaß.

Seit dieser Reise konnte sie Tipsi „rufen“, wenn sie ihn brauchte. Er erschien in der liegenden Acht auf der einen Seite und sorgte dafür, dass sie keine Angst mehr vor dem hatte, was in der anderen Seite in naher Zukunft erscheinen würde. Voller Vertrauen tat sie für andere Menschen das, was gerade dran war. Und damit war sie zufrieden und glücklich.


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