Das schlafende Mädchen
In einem kleinen Ort,
in dem nicht allzu viele Leute wohnten, lebte in der Mühle ein kleines Mädchen mit seiner Großmutter. Die backte den Leuten täglich köstliches Brot. Dafür halfen ihr die Leute bei anderen Arbeiten. Jeder tat das, was er am besten konnte. Der eine pflügte das Feld und brachte die Ernte ein, ein anderer schleppte die schweren Mehlsäcke. Eine schüttelte den Staub aus den Federn und fegte die Stube. Eine andere schaffte den Abfall weg und rieb die Fenster blank. Eine stellte Blumen auf den Tisch, andere brachten frisches Obst, Gemüse und Fleisch. Allen ging es gut, weil sie sich gegenseitig halfen.
Eines Tages spielte das kleine Mädchen im Keller, als ein Wind plötzlich alle Lichter ausblies und die Tür hinter ihm mit Getöse zuschlug. Das erschreckte das Mädchen so sehr, dass es in einen todesähnlichen Schlaf fiel. Erst am Abend fand die Großmutter das eiskalte Kind. Sie hüllte es in dicke Decken und flößte ihm heißen Tee ein, aber es wachte nicht auf. Jeden Tag wusch und fütterte die Großmutter das Kind, sang ihm Lieder und erzählte Geschichten. Doch das Mädchen schlief und schlief.
Die Leute, die früher gerne geholfen hatten, kamen seltener. Schon bald backten sie ihr Brot alleine, aber es schmeckte ihnen nicht so wie früher. Sie wurden mürrisch und unzufrieden. Die Großmutter wurde immer trauriger und hörte auf zu backen. Das wenige Essen, dass sie noch hatte, fütterte sie dem kleinen Mädchen. Sie selbst trank nur Wasser. Nach einigen Wochen war sie so schwach, dass sie nicht mehr aufstehen konnte. Doch niemand kümmerte sich darum.
In der Nacht träumte die Großmutter von einer guten Fee. „Bitte laß mein kleines Mädchen wieder aufwachen“ bat sie, doch die Fee antwortete nicht. Als die Großmutter am anderen Morgen die Augen aufschlug, sah sie eine fremde Frau, die in der Küche arbeitete und es roch nach frischer Suppe. Die Frau wusch und fütterte zuerst das Mädchen, dann die Großmutter. Anschließend verschwand sie ohne eine Wort. An den folgenden Tagen war sie morgens wieder da und arbeitete bis zum Abend. Schon bald hatte die Großmutter sich erholt und bekam Lust, wieder ihr köstliches Brot zu backen.
Als die anderen Leute den Duft des frischen Brotes rochen, bekamen sie großen Appetit. Mit traurigen Augen kamen sie zur Mühle, weil sie sich schämten. Doch die Großmutter gab ihnen lächelnd von dem köstlichen Brot. Bald kamen die Leute wieder und brachten wie früher etwas mit oder halfen in Haus und Hof. Neugierig hielten sie ein Schwätzchen mit der Großmutter, denn sie spürten, dass etwas Geheimnisvolles geschah. Doch die fremde Frau ließ sich nie sehen.
Die Großmutter wünschte sich sehnlichst, dass ihr kleines Mädchen gesund würde. Sie überlegte den ganzen Tag, wie sie es nur wecken könnte, doch es fiel ihr nichts ein. In der Nacht träumte sie wieder von der guten Fee. Diesmal sprach sie: „Bereitet zum nächsten Vollmond ein großes Fest. Alle Leute sollen helfen und jeder tut das, was er am besten kann. Der eine backt, der andere kocht, manche bringen Tische und Bänke, andere räumen nach dem Fest auf. Schon am Mittag soll es Musik und Tanz geben. Doch bevor die ersten Töne erklingen, laßt das kleine Mädchen auf den Festplatz tragen.“ Und so geschah es. Als die Musik erklang, sangen die Leute fröhlich mit und klatschten begeistert in die Hände. Da schlug das kleine Mädchen endlich die Augen auf. Alle freuten sich darüber und feierten bis der Vollmond hoch am Himmel stand. Die Leute in dem kleinen Ort wußten nun für immer, dass sie nur glücklich sein konnten, wenn alle füreinander da waren.