Frühling in Teneriffa
Gestern kam ich hier an und ich fühle mich so schwer wie die Felsen und Steine, die hier den größten Teil der Insel bedecken. Doch auf dem Weg vom Flughafen gab es Überraschun¬gen. Da standen, mitten in einer Felswüste blühende Bäume. Im Dämmerlicht der versinkenden Sonne leuchteten rosa Blüten wie Sterne aus einer anderen Welt …
Es stürmt und regnet und es ist Frühling … Mein Auge erblickt die vielen kahlen Felsen und dazwischen Schluchten, die mit kräftigem Grün gefüllt sind. Ich warte ungeduldig, dass es trocken wird, damit ich die Umgebung entdecken kann.
Schon nach kurzer Zeit scheint die Sonne wieder - und wie heiß sie scheint. Die Steine dampfen und das Wasser auf den Blättern ist längst bis ins Innere gedrungen. Jetzt hält mich nichts mehr drinnen, jetzt muss ich raus und die Natur um mich herum entdecken. Ich fühle mich wie vor einem großen Abenteuer …
Der Weg vor mir ist trocken. In den Ritzen der Steinmauer son¬nen sich Eidechsen. Langsam und behutsam bewege ich mich, um sie nicht zu stören. Sie liegen träge da, aber ihre Augen scheinen aufmerksam zu sein. Ohne Worte spreche ich mit die¬sen seltsamen Wesen. Ich sage ihnen, dass sie sich vor mir nicht fürchten müssen. Ich freue mich, dass sie da sind und nicht vor mir flüchten. Ich glaube, sie können mich verstehen.
Mein Blick wird von einer Pflanze gefangen, die ihre dicken, wasserspeichernden Blätter in einer großen Rosette über den Steinen ausbreitet. Graugrün schimmern die fleischigen Blät¬ter und aus der Mitte erhebt sich auf einem dünnen Stängel eine zarte gelborange Blütenrispe. Ich kenne diese Pflanze, hatte sie schon oft im Blumentopf, da war sie auch schön, aber klein. Ich bin beeindruckt von der Pflanze in ihrer natürlichen Umgebung - wie sie sich hier ausbreitet, wie groß sie ist und wie schön, dass ich sie trotzdem wieder erkenne.
Ich steige langsam ins Tal, da wo ich leise ein Wässerchen murmeln höre. Silbrige Äste ohne Blätter recken sich mir in den Weg. Ich schaue und entdecke an den Astenden dicke grüne Knoten … sind es Knospen, Blüten oder Früchte? Versonnen gehe ich weiter. Hoch über mir ragen jetzt die Felsen in den Himmel. Auf einem Vorsprung wächst eine Pflanze, einem Löwenzahn ähnlich. Eine breite Rosette fächert ihre Blätter um den hohen Stiel, auf dem kräftig gelbe Blüten wie Sonnen leuchten. Wunderschön … wunderschön ist diese ursprüngliche und unverdorbene Natur. Ich setze mich auf einen Stein und trinke mit meinen Augen alles, was sich mir bietet …