Französischer Stadtsommer
Wir fahren nach Nancy. An der Rheinfähre Kappel setzen wir über. Ich schaue aus dem Fenster und genieße das bunte Le¬ben, das sich meinen Augen bietet. Nach sieben Kilometern durch einen Tunnel sind wir auf der Westseite der Vogesen.
In greller Mittagssonne liegt Baccarat. Wir schlendern durch die Kristallgalerien. Glas in den schönsten Formen. Lüster, Leuchter, Gläser - alles blitzt und funkelt in der Sonne. Ich kaufe mir Ohr¬klips aus Strass. Viele kleine Steine funkeln dar¬auf. Ich entdecke Tiere aus Glas in vielen Größen. Vier Ele¬fanten aus Rauchglas ziehen meine Blicke an. Ob sie um Mit¬ternacht alle lebendig werden? Ich kann es mir gut vorstellen.
Nancy … eine große Stadt mit Industrie und Hochhäusern. Aber das alles vergisst man, sobald man auf dem Platz Stanis¬lav steht. Trotz vieler Autos ist dort die Romantik erhalten. Der Brunnen sprudelt fröhlich. Göttinnen und Engel spielen mit den Blüten des überquellenden Füllhorns. Museum Nau¬tique. Bunte Fische in schillernden Farben, wie ich sie noch nie zuvor sah. Sie haben bizarre Formen, Dra¬chen und Seeungeheuern gleich. Ich bewun¬dere die Vielfalt der Natur, den Einfallsreichtum, hinter dem jede menschliche Idee blass oder nachgemacht erscheint.
Es ist fast Feierabend, als wir in die Markthalle kommen. Ich kaufe noch schnell ein paar süß duftende Melonen. Ein Hauch von Ferien umgibt sie, vollreif wie sie sind. Heiß strahlt die Sonne. Ein milder Wind umspielt mich zärtlich. Die Luft ist voll von Düften. Es riecht nach Farbe, Parfüm und Gebra¬tenem. Ein kleiner Junge mit mittelbrauner Haut und nackten schwarzen Füssen kommt auf mich zu. Seine schwarzen Loc¬ken umrahmen sein schmuddeliges Gesicht. Sein braun-weiß kariertes Hemd und seine Jeans müssten auch mal gewaschen werden. Der Junge hält mir einen großen Zet¬tel hin, be¬schrieben mit Worten, die ich nicht lesen kann. Er spricht schnell wie ein Wasserfall, ver¬beugt sich, legt den Zet¬tel vor mich auf den Tisch, seine Hände legen sich zu einer bittenden Geste aneinander. Blitzschnell drückt er einen Kuss auf mei¬nen Oberarm und schaut mich mit großen ängstlichen Augen bittend an. Ich habe nur deutsches Geld, das will er nicht. Er geht an den nächsten Tisch und ver¬sucht es bei den Nächsten.
Zwei männliche Gestalten sprechen uns an, wollen zwei Francs von uns haben. Sie versuchen alles Mögliche, aber die fremde Sprache bietet uns Schutz. Wir schlendern zur Kirche St. Seba¬stian. Eine alte Frau hält uns die Türe auf. Ihr Kleid ist zerrissen. Mit einer knallroten Strickjacke hält sie es wie mit einem Gürtel zusammen. Sie hofft, durch das Türaufhal¬ten ein paar Franc zu bekommen. Unglücklich sieht sie nicht aus.